Nun, zusammen mit Céline hieß ich alle Teilnehmer willkommen und um auch allen neu Dazugekommenen unsere Wochenendplanung zu schildern, fasste ich die besprochenen Zeiten und Stops nochmals schnell zusammen. Hierbei gab es bereits erste Meinungsverschiedenheiten: nur wenige konnten sich mit der Abfahrtszeit: 7.00 a.m. anfreunden. Dass der Weg von unserer Unterkunft bis zum Track Einstieg gut eine halbe bis dreiviertel Stunde in Anspruch nehmen und es voraussichtlich ohnehin einige Minuten Verspätung geben würde, interessierte nicht. Wir einigten uns schließlich auf halb 8.
Der Tongariro Crossing Track ist eigentlich eine eintägige Wanderung, wobei 7-8 Stunden für die 18,5 km lange Tour eingeplant werden. Da von uns aus Transportgründen ein früherer Startpunkt vorgesehen war, verlängerte sich die Route um etwa 7-8 km. Die Übernachtung in der Hütte sollte die Tour dafür aber um die letzten 4 km kürzen, sodass die gesamte Strecke für Samstag in etwa 22 km umfassen würde. Für ungeübte Neueinsteiger doch schon ein großer Schritt.
Als mir am Samstag Morgen dann um dreiviertel 8 (geplante Abfahrt = halb 8!) ein Teilnehmer im Schlafanzug über den Weg lief, mit den Worten „mich hat erst gerade eben jemand geweckt“ (Was hätte wohl Herr Steinacker dazu gesagt??), war fast schon klar, dass die Tour für Samstag zurück gestuft werden musste. Das unbrauchbare Kartenmaterial, das die Anfahrt zu allem Überfluss auch noch unnötig verlängerte, bestätigte diesen Gedanken, schließlich sollte kein Risiko eingegangen werden.
Auch wenn die schlechte Netzabdeckung unsere Kommunikation etwas erschwerte, fanden alle Autos, nachdem sich anfangs jeder aus einer anderen Ecke des Nationalparks gemeldet hatte (fasziniert von der Mobilität) wieder zusammen und so traf sich die Autokarawane am eigentlichen TC Einstieg.
Am Parkplatz zog Minsik (Südkorea) mit seinem Wanderoutfit alle Aufmerksam auf sich: mit seinen Gummistiefeln (von seiner Farm) und dem Regenschirm wirkte er eher als wollte er eine Shopping Tour durch London machen, als eine knapp 20 Kilometer lange Wanderung durch die Berge. Jedoch: nach seiner 2 jährigen Militärausbildung in einer Spezialeinheit in Südkorea konnte man davon ausgehen, dass dies kein Problem für ihn sein würde.
Nach einem sechzehnköpfigen Gruppenfoto mit dem Vulkan Mt Ngauruhoe (2287m) im Hintergrund starteten wir gegen 10 Uhr, blauer Himmel über uns, Regenwolken überall um uns herum. Diese Situation änderte sich als wir am eigentlichen Aufstieg ankamen: wir mitten in den Regenwolken.
Wind, Schnee und Regen, sich abwechselnd, erschwerten für einige den Aufstieg. Auch wenn hin und wieder der Wind nachließ und die Wolkenwand vereinzelt Umrisse von Kratern und erkalteten Lavaströmen freigab, wickelte sich der gesamte Aufstieg doch weitestgehend im trüben Dunst ab, wodurch es schwer war, den Aufstieg auf Mt Tongariro, der für Sonntag Morgen geplant war, einzusehen und zu beurteilen. Das typische, verbreitete Bild der Tongariro Crossing Tour von den türkisblauen Gletscherseen, umgeben von Schwefeldämpfen und Vulkanhängen bot sich uns in anderer Weise, verschleiert von Nebel und umgeben von Schneefeldern, wobei diese Variante für mich auch eine sehr beeindruckende Atmosphäre bewirkte.
Angekommen an der Ketetahi Hut (1400m), die wir nach einer kleineren Diskussion doch alle (mehr oder weniger) gemeinsam erreichten, beschloss ein Großteil der Gruppe, die Tour vollends zu Ende zu laufen und die Nacht im Placement zu verbringen. Für Céline und mich war dieser Beschluss doch etwas unerwartet und auch enttäuschend, wobei er auf Grund der Wetterverhältnisse durchaus verständlich war. Zurück blieben vier Mädelz, Minsik und ich. Das hatte eine weitere Planänderung für Sonntag zur Folge mit einem Beschluss, der mir wohl in Erinnerung bleiben wird.
Die Wettervorhersage in der Hütte bestätigte den Schnee und starken Wind der uns den ganzen Tag verfolgt hatten, sagte gleichzeitig aber für Sonntag gutes Wetter voraus. Da Minsik und ich zumindest versuchen wollten, Mt Tongariro zu besteigen, wohingegen die Mädelz tags drauf nur noch die Tour zu Ende laufen wollten, macht mir Minsik folgenden Vorschlag: Um am nächsten Tag gemeinsam mit den Mädelz vollends abzusteigen und sie dabei nicht zu lange auf uns warten zu lassen (wir schätzten den Weg von der Hütte auf den Mt und wieder zurück auf etwa fünf Stunden), meinte er, wir sollten Samstag Abend (es war fünf Uhr), so weit wie möglich Richtung Mt Tongariro zurücklaufen, bei einsetzender Dämmerung irgendwo in den Bergen zu übernachten und dann Sonntag nach der Gipfelbesteigung zurück zur Hütte zu kommen.
In den Wetterbericht vertrauend und überzeugt von der Zeiteinsparung am nächsten Tag, stimmte ich ihm zu. Allerdings mussten wir uns beeilen. Nach einem Teller Spaghetti und einer Tasse Suppe sortierten wir unsere Rucksäcke aus und verabschiedeten uns vom Rest, denen nicht mehr einfiel, als uns für verrückt zu erklären..
Zugegebenermaßen hatte ich ein komisches Gefühl beim Verlassen der Hütte, hinaus ins Kalte – wo es bereits wieder zu schneien begonnen hatte. Dieses blieb während des gesamten Aufstieges in meinem Hinterkopf. Diverse Stellen, die sich als Übernachtungsplatz eignen würden, merkten wir uns beim Aufstieg; diese wurden allerdings mit zunehmenden Höhenmetern und abnehmender Vegetation spärlicher.
Da ich unser Zelt unbedingt im Hellen aufbauen wollte und auch etwas nervös wurde, da keine größeren Felsen zum Schutz vor Wind und Schnee in Sicht waren, überzeugte ich Minsik, nach der Durchquerung eines größeren Schneefeldes, etwas abseits vom Weg nach schützenden Felsen Ausschau zu halten. Die Tatsache, dass keine Größeren zu sehen waren, verunsicherte mich noch mehr. Über das Schneefeld zurück zu den größeren Felsen und dann, eventuell bei einsetzender Dunkelheit das Zelt dort aufbauen? Zu riskant. Wie weit war der zuletzt gesichtete Platz entfernt?
Wir nahmen was wir kriegen konnten und wählten die nächstbeste Möglichkeit: ein etwa 1.50m großer alleinstehender Fels. Nicht der beste Schutz, aber ich wollte unbedingt anfangen, einen Zeltplatz herzurichten.
Zuerst musste der Untergrund vom vielen kantigen Vulkangestein befreit und eingeebnet werden. Dies lies sich gut mit einem bearbeiteten Stück Holz, das wir unterwegs gefunden und in der Hoffnung, es als Brennholz für ein Lagerfeuer verwenden zu können, mitgetragen hatten, bewältigen. Die nächste Überraschung für mich war der Augenblick, als Minsik das Zelt entpackte. Fehlt da nicht was? Das besteht ja nur aus einer Haut, und das „Dach“ ist lediglich ein Insektennetz?! (Für Claudio: nochmal eine Kategorie schlechter, als unsere unbrauchbare Variante vom Bodensee^^). „Hätte ich doch mein eigenes mitgenommen“, dachte ich, doch dann zog Minsik noch ein kleines Tüchchen aus seinem Rucksack und spannte es über die Netzöffnung. Na dann ist ja gut – wenigstens schneit es von oben nicht rein. Der Moment, als das Zelt windschief neben dem Felsbrocken errichtet war, ließ mich anfangen, mich sicher zu fühlen. Reintheoretisch müssen wir jetzt nur ins Zelt verschwinden und sind „sicher“. Natürlich war es mit dem Aufstellen allein nicht getan: Ein Windschutzwall musste zur Windseite hin um das Zelt aufgebaut werden und Minsik hatte die Hoffnung auf ein Lagerfeuer trotz starkem Wind noch nicht aufgegeben. Um in Bewegung und damit einigermaßen warm zu bleiben, wollten wir gar nicht aufhören, größere Steine heranzuschleppen, sodass unser Wall immer weiter wuchs und sogar eine kleine Feuerstelle vor unserem „Haus“ eingerichtet hatten. Damit schien alles perfekt. Schnell ein kurzer, knackiges Feuer machen und dann ab ins Zelt. Im Schutz des Regenschirms versuchten wir vergebens, die Zeitungsknäule anzuzünden, doch als wir den Regenschirm wegnahmen, pustete der Wind das leicht glühende Papier an und entfachte ein Feuer. Nicht dass es gefühlsmäßig sonderlich warm gegeben hätte, aber diese Tatsache erfreute uns beide doch sehr.
Die Nacht war eisig und Wind und Schnee waren durchgehend zu hören. Durch die Schräge, in der wir unser Zelt aufgebaut hatten, waren wir auf unseren Isomatten ständig am Rutschen, sodass wir uns jedesmal beim Aufwachen (was zu jeder vollen Stunde geschah) zusammengeknüllt in der unteren Zelthälfte wiederfanden. Der winzige Platz im Zelt machte diese Situation auch nicht komfortabler und so waren wir froh, als es 6 Uhr morgen war und wir aufstehen konnten. Der Blick aus dem Zelt bestärkte das: blauer Himmel. Die Übernachtung hatte sich gelohnt: die Morgenstimmung draußen war fantastisch. Gerad am Aufgehen, tauchte die Sonne die Bergzipfel um uns herum in ein rosa Farbenmeer, das durch den Schnee auf den Gipfeln hell leuchtete.
Die Morgenkälte allerdings hielt uns in unseren Schlafsäcken von wo aus wir so gut es ging unsere Sachen packten. Glücklicherweise hatte ich am Abend daran gedacht, eine meiner Flaschen mit in den Schlafsack zu nehmen, denn die andere war durch und durch gefroren ;). Wir schlüpften in unsere Schuhe (was bei Minsiks gefrorenen Gummistiefeln sicher nicht sehr angenehm war) und gingen erst einmal Laufen, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen.
Danach packten wir das Zelt zusammen und machten uns auf den Weg. Frühstück hatten wir etwa nach einer halben Stunde.
Auf dem Weg nach oben waren wir nur am jubeln über das Wetter und die damit verbundene beeindruckende Weitsicht. So hatte ich mir das Tongariro Crossing und den Blick auf die smaragdfarbenen Seen vorgestellt: rings herum scharfkantige Lavafelsen , aus denen es an einigen Stellen heraus dampfte und im Hintergrund von Wolken umsäumte Bergketten (die allerdings deutlich unter uns lagen!) – ein tiefblauer Himmel über uns.
Während unsers Frühstücks, am Einstieg zum Mt Tongariro hörten wir von weitem einen Helikopter näherkommen – doch hoffentlich nicht auf der Suche nach uns?! Glücklicherweise flog er über uns hinweg, ohne nach unseren Namen zu fragen.
Der Aufstieg zum Gipfel zog sich durchgehend durch den Schnee, wobei die windzugeneigte Bergseite (im Erdkundeunterricht wurde sie auch Luv-Seite genannt) stark gefroren war, was uns schlussendlich die letzten 50 Meter auf den Gipfel versperrte.
Mit seinen Gummistiefeln hätte es Minsik sicher versucht, doch ich wollte mir den steilen Rückweg durch das Eis ersparen. Somit schossen wir das „Gipfelfoto“ schon etwas früher als geplant, jedoch - nichtsdestotrotz, allein über die Tatsache, unsere Idee bis hierhin umgesetzt zu haben, waren wir ziemlich stolz und glücklich. So schnell werde ich dieses Erlebnis nicht vergessen!..


















