Sunday, March 09, 2008

Eine kleine ‚Vélodysee‘..

Nichts sollte dem Zufall überlassen sein: mehrere Verhandlungen mit dem Radverleih über Fahrradausstattung und –preis waren geführt, Anfragen beim regionalen Busverband gemacht und Besuche beim Mobilfunkgeschäft, Motorradhändler, sowie dem Autoverleih und bei der Bank getätigt worden – halb Tauranga wusste von Papas New Zealand Urlaub (Ende Januar – Mitte Februar). Auch er selbst hatte sich im Voraus genauestens mit seiner Planung beschäftigt; eingedeckt mit Info- und Kartenmaterial aus dem Globetrotter-Laden hatte er zu Jugendherbergen in ganz Neuseeland Kontakt aufgenommen, Packlisten geschrieben, mit Motorradgruppen diskutiert und eine genaue Tourplanung erstellt - jede einzelne Stunde seines Reiseaufenthaltes war verplant gewesen. Bevor stand eine 6 tägige Radtour mit mir, ein Flug auf die Südinsel und eine ‚self-guided‘, 12 tägige (lange!) Fahrt auf dem Motorrad. Da blieb nicht viel Zeit, etwa einen Jet lag nach der fast 30 stündigen Anreise auszuschlafen oder gar aus dem Winter kommend sich an NZ’s Sommer akklimatisieren zu können. Auch blieb am Ankunftstag nicht viel Zeit für eine ausführliche Unterhaltung: es hieß ‚schnell schlafen‘, um tags darauf fit und ausgeschlafen einen 10 Kilometer langen Sprint zum Radverleih zurücklegen, nach dessen Rückkehr die Räder ‚satteln‘ und aufbrechen zu können. Spontan entschieden wir uns allerdings noch kurz vor Tourantritt, die geplante Strecke - um das ganze East Cape herum - weg zu lassen, was uns die durchschnittliche Tagesdistanz von 145 km ersparten und mehr Zeit für Sightseeing bzw. eine kleine Wanderung bringen sollte.

Die ersten 70 Kilometer von Papamoa nach Whakatane waren schnell und ohne große Mühen zurückgelegt: der Bustransfer war sein Geld wert gewesen..

Auch wenn – dank der Packliste - an alles Wichtige gedacht worden war, die Verteilung des Gepäcks auf unseren Rädern machte einen nicht ganz so professionellen Eindruck: die in Mülltüten eingepackten Schlafsäcke und das Zelt waren mit Hilfe der Spanngurte zwar einigermaßen gut auf dem Gepäckträger zu befestigen, als später jedoch noch eine große Lebensmitteltüte als Krönung oben drauf gepackt werden musste, begann diese Konstruktion doch etwas unstabil zu werden. Dies machte sich besonders bei Abfahrten bemerkbar, wenn der ganze Stapel in Schräglage kam und umzufallen drohte. Nicht nur einmal hörte ich Papa deswegen fluchen, bzw. sah ihn vor Wut die gesamte Ladung vom Gepäckträger klopfen J.

Von Whakatane aus ging es, der Küste entlang nach Opotiki, in dessen Nähe wir unser erstes ‚Lager‘ errichteten. Leider war nicht nur der Strand direkt neben unserem Zeltplatz, auch die Haupstraße befand sich unmittelbar dahinter. Papa am nächsten Morgen: „Jedesmal wenn ein LKW vorbeikam, dachte ich, er fährt mir gleich über die Füße..“

Um den Verkehr etwas zu meiden, war geplant, nicht über die geteerte Hauptstraße von Opotiki nach Gisborne überzusetzen, sondern einen parallel dazu verlaufenden Schotterweg, den sog. ‚Old Motu Way‘ zu befahren. Eine Entscheidung, die wir zwar während der Fahrt bereuten, später jedoch noch die Eintrittskarte zu einem gemütlichem Abend werden sollte.

Durch kleine Flüsse hindurch verlief die Straße in wilden Kurven ständig bergauf – bergab, wobei man nie in den Genuss kam, nach einem größeren Anstieg einmal für ein paar Minuten auf der gleichen Höhe zu bleiben. Papa: „Als ob die Neuseeländer einem über jeden Hügel den sie haben drüber führen müssten..“ Diese Umstände führten dazu, dass wir bereits auf halben Weg nach Gisborne mit dem Gedanken spielten, nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Als uns, kaum in Matawai angekommen, eine Café Besitzerin das Angebot unterbreitete, in ihrem Garten zu zelten, fühlten wir uns in diesem Gedanken bestärkt. Für uns öffnete Sie sogar nochmal ihren kleinen Supermarkt und brachte uns ein paar Zutaten für unser Abendessen aus ihrer Küche. Froh über unseren schönen, sicheren Platz, konnten wir anschließend sogar noch die Stammgäste im lokalen Pub kennen lernen.

Der nächste Morgen begann hervorragend, mit einer guten Tasse Kaffee, die uns direkt vors Zelt gebracht wurde. Passend dazu gab es eine Nudelsuppe mit den Spaghetti vom Vorabend und ein ‚Power-Milch-Müsli‘. So ging es leichtfüßig weiter nach Gisborne, auf angenehmem geteertem Wege. Schon gegen 2 pm schlugen wir dort ein – zeitlich ideal, um noch ein gutes Stück Richtung Napier zurücklegen zu können, wenn da nicht noch der Stop im Supermarkt gewesen wäre.

Wie wir im Nachhinein feststellten, blieb unsere Ankunft dort nicht unbemerkt. Während der Zusammenstellung unserer Früchte-Kombi fragte uns eine ältere Frau, wo wir denn her kämen mit all unserem Gepäck. Als dann das Schlüsselwort ‚Old Motu Way‘ fiel, zuckten ihre Augenbrauen nach oben: „Good on you (...)!“ und im weiteren Gespräch erfuhren wir, dass es sich dabei um eine Mountainbike Wettbewerbsstrecke handelte - kann sich als erste Tagestour doch durchaus sehen lassen ;). Später erzählte sie uns, ihre ganze Familie sei sehr radbegeistert und sie unterstütze das sehr. Spontan schrieb sie uns außerdem ihre Adresse auf mit den Worten, wir sollten sie doch besuchen kommen, sie wohne nur ein paar wenige Kilometer vom Supermarkt entfernt. Bevor stand also eine ‚wichtige‘ Entscheidung: die Einladung fallen lassen und Richtung Napier aufbrechen, um im inzwischen eng gewordenen Zeitplan zu bleiben, oder den Nachmittag schon etwas früher ausklingen zu lassen, der Familie einen Besuch abzustatten und stattdessen Napier aus der Routenplanung zu streichen. Wir entschieden und für letzteres und nachdem wir Gisborne noch etwas unter die Lupe genommen hatten, machten wir uns auf zur beschriebenen Adresse. Dort wurden wir schon erwartet, unsere Tour, einschließlich der Anerkennung findenden Fahrt über den ‚Old Motu Way‘ war bereits allen bekannt. Auch wenn das Haus nicht in ‚bester‘ Ordnung war (und sich sogar Papa beim Eintritt ein lautes Luftholen nicht verkneifen konnte ;), verbrachten wir nach einer erfrischenden Dusche einen wirklich schönen Abend mit aufwendig gekochtem Essen, gefolgt von diversen regionalen Weinen und erfuhren einiges über das Leben, bzw. die Zukunftsplanung der ganzen Familie Mc Loughlin. Hätten wir für den folgenden Tag nicht geplant gehabt, von den Hügeln um Gisborne - der Stadt, die als erste jeden Tag die Sonne aufgehen sieht, den Sonnenaufgang mit zu verfolgen, hätte der Abend womöglich erst viel zu spät ein Ende gefunden J.

Unsere Hoffnung, am nächsten Morgen Zeugen einer schönen Morgendämmerung zu werden, fiel dann allerdings einem Wolkenhimmel zum Opfer. Nichtsdestotrotz bot der kleine Berg, auf den uns Bryce geführt hatte, einen weiten, eindrucksvollen Blick über ganz Gisborne.

Weiter ging es nach der Verabschiedung schließlich über Berg und Tal nach Frasertown, einem winzigen Örtchen, das lediglich aus ein paar zerfallenen Häusern und einem Pub bestand, in dem wir uns auch gleich niederließen, um dem sich ankündigenden Regen zu entfliehen. Da seine Frau krank im Bett lag, musste der dortige Wirt an diesem Abend alleine die Küche schmeißen und staunte nicht schlecht, als wir nach den ersten beiden Portionen Steak mit Pommes und Bohnen die gleiche Menge nachbestellten. Nicht weniger überrascht waren Papa und ich, als dieser am Ende dann nicht einmal Geld dafür annehmen wollte. Zusätzlich stellte der Wirt uns sogar einen Zeltplatz auf seiner überdachten Terrasse zur Verfügung. (Weshalb er so großes Mitleid mit uns hatte, ist uns bis heute unerklärlich!

in der Nacht einsetzende Regen hielt bis in den folgenden Nachmittag hinein an und beeinflusste unsere Weiterfahrt ziemlich: der aufgeweichte Schotterboden ließ die Reifen förmlich am Untergrund kleben und erschwerte so den Aufstieg hinauf, zum Lake Waikaremoana zusätzlich. Die vielen Unebenheiten und Pfützen machten diese Angelegenheit nicht angenehmer.

Dies veranlasste uns schließlich, einen Pickup Fahrer um Unterstützung zu bitten. Die beiden Räder und das ganze Gepäck auf die offene Ladefläche geschmissen, standen wir hinter der Fahrerkabine und fragten uns während der Fahrt, ob unser Fahrer uns bereits vergessen hatte, bzw. uns loszuwerden versuchte: wie von der Tarantel gestochen raste er um die Kurven, über Bodenwellen, vorbei an entgegenkommenden Fahrzeugen. Nicht nur boten die nassen Eisenstangen keinen rutschfesten, sicheren Halt, auch der starke Regen machte uns zu schaffen: entweder man schaute nach vorne, spürte wie einem das Wasser den Hals hinunterlief und konnte sich dann aber auf den Straßenverlauf einstellen, oder man versuchte, das alles möglichst trocken zu überstehen, schaute auf die Ladefläche und fiel dann aber, nach einer unerwarteten Kurve halb vom Pickup.

Sicher fühlten wir uns erst wieder, als wir uns, platsch nass am Lake angekommen, wieder zu sortieren versuchten.

Nach einer Pause ging es dann zum Glück einigermaßen trocken weiter und nach einer weiteren Übernachtung auf einem Rastplatz und einigen weiteren gefahrenen Kilometern zeigte sich uns noch ein Maori von seiner netten Seite - fragte uns, ob er uns in seinem Van mitnehmen solle. Dies war eigentlich nicht nötig, es sprach aber auch nichts dagegen und so hatten wir eine unterhaltsame Fahrt bis nach Murupara, außerhalb des Nationalparks.

Ein sicheres Gefühl gab uns der Anstecker, den der Maori hinten an seinem Hut angebracht hatte:

"I am NOT a Terrorist". Dazu muss man wissen, dass die neuseeländische Regierung vor knapp 3 Monaten in diesem Nationalpark (Te Urewera) angeblich ein Terroristen Camp ausfindig gemacht und mit einem riesigen Polizeiaufgebot die Gegend durchkämmt hat. Ob es dort nun wirklich Terroristen gab, weiß niemand.

Von Murupara aus war es nur noch eine Halbtagestour bis nach Rotorua, wo Papa ein YHA hostel inkl. einem heißen Thermalpool für uns gebucht hatte...sozusagen als Ansporn für die lange Reise...


So viel dazu, auch wenn es zu solchen großartigen Abenteuern natürlich noch vieles mehr zu berichten gäbe; rundum ist es eine super Tour gewesen mit vielen neuen Begegnungen, tollen Momenten und dank ausführlicher Planung ohne unangenehme Überraschungen – eben so, wie ich sie mit Papa erwartet habe.

Cheers, seba

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